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Zwei Kleinkinder beim Spielen

Ist mein Kind auffällig? Oder ist das normal?

Was ist eigentlich auffälliges Verhalten? Jona braucht immer noch Windeln, während alle Gleichaltrigen trocken sind. Rasmus beißt immer wieder andere Krippenkinder. Meryem spricht eigentlich nur mit den Eltern. Lina wirft sich täglich im Supermarkt wutschreiend auf den Boden. Alles Momente, in denen sich Eltern fragen können: „Ist das noch normal?“

Oft sind es auch Großeltern oder befreundete Elternpaare, die sorgenvoll meinen: „Ist das nicht auffällig, müsst ihr da nichts tun?“ Das kann Mütter und Väter verunsichern, besonders wenn man Berichte von immer mehr Kindern mit psychischen Problemen liest. Abgesehen davon, dass manche ungewöhnlichen Verhaltensweisen auch einfach anstrengend für die Familien sind. Was ist der richtige Umgang mit der Frage: „Ist mein Kind auffällig?“

Zwei Kleinkinder beim Spielen

Tipp 1: Auffälliges Verhalten? Nicht mit der Norm vergleichen

Der erste Tipp ist vielleicht der wichtigste. Vergessen Sie, was angeblich „normal“ ist! Unzählige Entwicklungstabellen à la „Das muss ihr Kind mit drei können“ vermitteln zwar, dass es das „normale Kind“ gibt, das genau zu einem fixen Zeitpunkt bestimmte Fähigkeiten vorweist. Aber das ist Unsinn, denn dabei geht es meist um den statistischen Mittelwert. Dass Kinder durchschnittlich mit so und so vielen Monaten sprechen können, heißt eigentlich, dass es die eine Hälfte vor dem Mittelwert, die andere danach lernt. Auch ist es völlig subjektiv, ob man das Verhalten eines Kindes als „lebhaft und kreativ“ oder „impulsiv und chaotisch“ begreift. Weil sich kleine Kinder sprunghaft entwickeln, kommt es immer wieder vor, dass lange aufgeschobene Entwicklungsschritte plötzlich innerhalb kürzester Zeit nachgeholt werden. Vergleichen Sie Ihr Kind daher nicht mit Durchschnittswerten, sondern schauen ihm besonders gut zu.

Tipp 2: Erst mal beobachten, nachfragen und nachdenken

Besonders gutes Beobachten ist ohnehin die erste Maßnahme, die Sie ergreifen sollten, wenn das Verhalten Ihres Kindes Ihnen Sorge bereitet. Denn Beobachtung ermöglicht es, Gründe für Verhaltensweisen zu finden: In welchen Situationen beißt Rasmus denn, in welcher Stimmung ist er dabei? Wie geht es Lina vor ihrem Wutausbruch im Supermarkt? Oft kann man für scheinbar „auffällige Verhaltensweisen“ simple Ursachen und Lösungswege finden. Vielleicht ist Rasmus durch den Lärm in der Krippe überfordert, vielleicht braucht Lina im Supermarkt nach dem anstrengenden Kita-Tag das Gefühl, dass es jetzt nur um sie geht. Manchmal hilft es schon, ein gemeinsames Spiel, wie zum Beispiel ein Bilderlotto, als tägliches Nachmittags-Ritual einzuführen. Und sich dann wirklich von nichts ablenken zu lassen. Erst wenn Eltern feststellen, dass bestimmte Verhaltensweisen auch auftreten, wenn man solche Momente verändert, ist weiteres Nachdenken angebracht.

Bilderlotto Packshot

Tipp 3: Mit anderen Expert:innen für Ihr Kind über das auffällige Verhalten sprechen

„Erlebt ihr das in der Krippe auch?“ Ein weiterer Tipp ist es, sich mit anderen Betreuungspersonen des Kindes auszutauschen. Schon um überrascht herauszufinden: Manche Dinge, mit denen das Kind daheim nervt, sind in der Krippe oder bei den Großeltern völlig unbekannt! Wenn sie aber doch auch dort auftreten, ist es gut, sich über den Umgang damit hier und dort auszutauschen. „Also wir gehen damit immer so um …“, könnten dann gute Tipps beginnen. Gut ist es, sich bei belastenden Verhaltensweisen über gemeinsame Strategien zu verständigen: „Wenn er wieder beißt, sagen wir klar ‚Nein!‘ und kümmern uns um das betroffene Kind“.

Tipp 4: Nicht über Schuld nachdenken

„Haben wir etwas falsch gemacht?“ Diese Frage stellen sich wohl alle Eltern, wenn das Kind auffällige Verhaltensweisen zeigt. Gewiss, grundsätzlich ist es gut, seine Rolle als Eltern zu reflektieren. Aber in den meisten Fällen ist es nicht hilfreich, zu viel über eigene Schuld nachzudenken. Schließlich gehört es zur Entwicklung jedes Kindes dazu, dass es neben vielen tollen Eigenschaften auch ein paar schwierigere Verhaltensweisen aufweist. Andersherum gehört es zur Elternrolle dazu, dass man eben nicht alles perfekt macht, sondern manchmal eine besonders aufmerksame Begleitperson des Kindes ist – und dann auch wieder nicht. Gerade wenn Eltern sich mit Erzieher, Kinderärztin oder Lehrerin austauschen, bringen Selbstvorwürfe wenig. Besser als der Blick zurück ist es, darüber nachzudenken, wie man das Kind jetzt unterstützen kann.

Tipp 5: Keine Angst vor Expert:innen

Zusammengefasst kann man raten: In den allermeisten Fällen entpuppen sich Sorgen über vermeintliche Auffälligkeiten des Kindes als übertrieben. Davon können Eltern mehrerer großgezogener Kinder Lieder singen. „Am Ende haben sie sich prächtig entwickelt“. Trotzdem lohnt es sich, bei Unsicherheiten den Gang zu Kinderärzt:in oder Psycholog:in zu wagen. Schließlich sind diese Expert:innen dafür da, bei berechtigter Sorge zu helfen und bei unnötiger Angst Mut zu machen. Ein klares „Da brauchen sie sich keine Sorgen machen“ tut gut. Fachliche Unterstützung, falls die Sorgen doch berechtigt sind, gibt ebenfalls Sicherheit. Und beides verhindert, dass Sie immer wieder angstvoll auf die scheinbar nicht „normgerechte“ Entwicklung des eigenen Kindes schauen, statt voller Stolz seinen ganz individuellen Weg zu begleiten.

Dies ist ein Artikel unseres Gastautors Michael Fink. Er ist als Dozent in der Fort- und Weiterbildung von Erzieher:innen und Lehrer:innen tätig, Mitbegründer einer pädagogischen Fachzeitschrift und Autor von über 50 pädagogischen Fachbüchern.

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